Der Anruf kommt fast immer nach demselben Moment: Man zieht im Herbst den Lieblingspullover aus dem Schrank und hält ihn gegen das Licht. Drei, vier kleine Löcher, unregelmäßig verteilt.
Und dann folgt der Satz, den ich am häufigsten höre: „Ich habe doch gar keine Motten gesehen.“
Genau das ist der Punkt. Der Falter frisst nicht. Er hat nicht einmal funktionsfähige Mundwerkzeuge. Gefressen wird ausschließlich von der Larve – und die sitzt nicht sichtbar im Raum, sondern im Textil.
Kleidermotte oder Lebensmittelmotte?
Diese Frage zuerst, sie entscheidet über alles Weitere.
Die Kleidermotte ist klein, etwa sechs bis neun Millimeter, einfarbig strohgelb bis goldglänzend, ohne Muster. Sie fliegt schlecht und ungern, meidet Licht und huscht eher, als dass sie flattert. Sie sitzt im Kleiderschrank, unter dem Bett, hinter dem Sofa.
Die Dörrobst- oder Lebensmittelmotte ist größer, die Flügel sind zweifarbig – vorne hell, hinten kupferbraun. Sie fliegt aktiv durch den Raum und sitzt im Vorratsschrank.
Wer die falsche Art bekämpft, behandelt monatelang den falschen Schrank. Und die Pheromonfallen sind artspezifisch: Eine Falle für Lebensmittelmotten fängt keine Kleidermotten.
Was die Larve frisst – und was nicht
Kleidermottenlarven brauchen Keratin. Das steckt in tierischen Fasern: Wolle, Kaschmir, Seide, Pelz, Filz, Daunen, Federn, Leder, Rosshaar.
Reine Baumwolle, Leinen und Synthetik werden nicht gefressen. Aber Achtung – zwei Ausnahmen sorgen für Verwirrung:
- Mischgewebe werden angegangen, wenn genug Wollanteil drin ist.
- Verschmutzte Naturfasern sind besonders gefährdet. Schweiß, Hautschuppen und Essensreste liefern zusätzliche Nährstoffe. Deshalb sind Löcher oft dort, wo ein Kleidungsstück getragen wurde – Achselbereich, Kragen – und nicht am sauberen Ärmel.
Das erklärt auch, warum es meistens das Stück trifft, das lange ungetragen im Schrank hing: dunkel, ruhig, ungestört und ungewaschen weggelegt.
Wo sie tatsächlich sitzen
Nicht nur im Kleiderschrank. Die Stellen, an denen wir sie regelmäßig finden:
- Ungetragene Wolltextilien ganz hinten im Schrank, in Kartons, in Vakuumbeuteln mit undichter Naht
- Teppichunterseiten und Teppichränder unter Möbeln, wo nie gesaugt wird
- Polstermöbel – Nähte, Unterseite, Bereich unter den Kissen
- Filzgleiter unter Stuhlbeinen, ein oft übersehener Dauerherd
- Wollteppiche in wenig genutzten Räumen
- Tierhaare und Staubflusen hinter Sockelleisten und in Fußbodenritzen – Keratin pur
- Ausgestopfte Tiere, Wollbilder, alte Uniformen, Klaviere mit Filzhämmern
- Vogelnester in Dachüberstand und Lüftungsschacht, ein häufiger Ursprung, an den niemand denkt
Typische Spuren sind neben den Löchern: feine weiße Gespinströhren an der Faser, kleine Kotkrümel in der Farbe des Gewebes und leere Larvenhäutchen.
Was Sie selbst tun sollten – in dieser Reihenfolge
- Alles ausräumen. Der Schrank muss leer sein, sonst finden Sie den Herd nicht.
- Betroffene Textilien behandeln. Waschen bei 60 Grad tötet alle Stadien. Was das nicht verträgt: mindestens 72 Stunden bei minus 18 Grad in den Gefrierschrank, luftdicht verpackt. Oder in die professionelle Reinigung.
- Den Schrank gründlich saugen – besonders Ritzen, Bohrlöcher der Regalböden, Ecken und die Rückwand. Beutel sofort draußen entsorgen.
- Auswischen mit Essigwasser, dann trocknen lassen.
- Teppichränder und Polsterunterseiten mitmachen. Wer nur den Schrank behandelt, holt sich den Befall aus dem Teppich zurück.
- Pheromonfallen aufhängen – aber als Kontrolle, nicht als Bekämpfung (siehe unten).
- Sauber einräumen. Wolle nur gewaschen weglegen, empfindliche Stücke in dicht schließende Baumwollhüllen oder Boxen.
Was Pheromonfallen können und was nicht
Sie fangen ausschließlich männliche Falter. Weibchen und Larven bleiben unberührt. Als Bekämpfung sind sie deshalb ungeeignet – als Frühwarnsystem und Erfolgskontrolle dagegen sehr nützlich.
So setzen Sie sie sinnvoll ein: eine Falle pro Schrank oder Raum, Datum draufschreiben, alle acht Wochen wechseln. Wenn die Fangzahl nach Ihren Maßnahmen über mehrere Wochen sinkt, wirkt es. Bleibt sie konstant, existiert ein Herd, den Sie noch nicht gefunden haben.
Lavendel, Zedernholz und die anderen Hausmittel
Ehrlich: Sie halten allenfalls Falter von einem frischen Stück fern. Auf eine bestehende Larvenpopulation im Gewebe haben sie praktisch keinen Einfluss, und ihre Wirkung lässt nach wenigen Wochen nach, wenn die ätherischen Öle verflogen sind. Zedernholz muss dafür regelmäßig angeschliffen werden – das tut fast niemand.
Sie sind also keine Behandlung, sondern bestenfalls Vorbeugung für saubere, frisch eingeräumte Textilien.
Schlupfwespen (Trichogramma) sind das ernstzunehmendste biologische Mittel: Sie parasitieren die Motteneier. Das funktioniert, braucht aber Geduld über mehrere Lieferzyklen und ist nur sinnvoll, wenn parallel gereinigt wird.
Wann ein Anruf sinnvoll ist
Ein einzelner Schrank ist gut selbst zu schaffen. Melden Sie sich, wenn:
- der Befall trotz Waschen, Saugen und Fallen seit Monaten bleibt,
- mehrere Räume betroffen sind oder Sie Falter im ganzen Haus sehen,
- wertvolle Stücke betroffen sind – Teppiche, Pelze, Sammlungen, Instrumente,
- der Verdacht auf ein Vogelnest im Dachüberstand oder im Lüftungsschacht besteht,
- Sie im Mehrfamilienhaus wohnen und Nachbarn dasselbe Problem haben.
Wir suchen dann den Herd systematisch – auch an den Stellen, die man beim Aufräumen nicht auf dem Schirm hat – und behandeln gezielt Ritzen, Sockelleisten, Polster- und Teppichränder statt großflächig zu sprühen. Bei textilen Wertstücken sagen wir vorher, welches Verfahren das Material verträgt. Nach einigen Wochen kontrollieren wir über die Fallenzahlen nach; ohne diese zweite Runde bleibt offen, ob wirklich alles erwischt wurde.
